Freitag, 26. Dezember 2014

Best of 2014, Teil 1 (Musik)

Na, Weihnachten einigermaßen gut rumgebracht? Schöne Geschenke bekommen? Keine Prügeleien unter'm Tannenbaum gehabt? Den Helene Fischer-Overkill ohne körperlich-seelische Schäden überstanden? Freut mich. Und, ja, ebenfalls. Wenden wir uns nun einer lieb gewonnenen Tradition zu, die praktisch jedes Jahr zu dieser Zeit von mir aufgegriffen wird wie die Stirb langsam-Blu Ray. Best Of, richtig! Also so ziemlich alles, was in den vergangenen 12 Monaten den CD-Player partout nicht verlassen wollte (Musik) ... oder den Blu Ray-Player (ratet mal, welches Medium damit gemeint ist) ... oder dank unanständiger Spannung und Lesegenuss für Schlafmangel gesorgt hat (Bücher). Beginnen möchte ich, welch' Überraschung, mit der MUSIK. Und da muss ich leider gestehen, dass mir viele, zu viele potenziell gute Alben leider aufgrund diverser Umstände einfach durch die Lappen gegangen sind. Ich hoffe, dass mir dies in 2015 nicht wieder passieren wird! Auf jeden Fall - dies sind die 10 Klassenbesten:

10. High Spirits - You are here (High Roller Records (Soulfood))
Wenn's um das beschissenste Plattencover des Jahres gehen würde, nun ja ... das Quasi-Soloprojekt von Frontmann/Bassist/Gitarrist/Drummer/Was-weiß-ich Chris Black würde garantiert einen der vordersten Plätze intus haben. Aber hier geht es ja um die Musik, daher ... Der Vorgänger, Another Night, kam praktisch aus dem Nirgendwo und zog mir ob seiner tollen Melodien, genialer Hooks und absolut authentischen Scorpions-Hommagen (FRÜHE Scorps wohlbemerkt) einschließlich Blacks Stimme, die mitunter erstaunlich an das Organ des jungen Klaus Meine erinnert, die Füße vom Boden weg. You are here besitzt zwar noch immer ausreichend solche Qualitäten, aber bedauerlicherweise fehlt diesmal weniger der Überraschungseffekt, sondern vielmehr dieses Zünden, das die erste Scheibe zu solch einem Hardrock-Monster hatte werden lassen. Wobei dies gewiss Jammern auf sehr hohem Niveau ist; zugegeben und ich gespannt bin, wohin Blacks Weg hinführen wird.


9. Heavy Tiger - Saigon Kiss (High Roller Records (Soulfood))
Nörgel, Nörgel, Nörgel. Da nimmt der skandinavische Nachwuchs richtig knackigen, sleazigen und ehrlichen Hardrock Marke Kiss (Yeah!), Runaways, Girlschool und The Donnas (wo steckt ihr?!?) auf - und wird dafür mitunter gnadenlos zerrissen. Ich könnte es verstehen, wenn die Songs a) mies wären (sind sie aber nicht), die Produktion total megakacke wäre (ist sie für die Verhältnisse ganz und gar nicht, dafür herrlich oldschoolig) oder den Mädels einfach Talent und Versiertheit fehlen würde (ist aber vorhanden, beides). Ach ja, Retro. Dieses böse, böse Wort. Da dürfte der Hase begraben sein. Wobei Heavy Tiger in dem Zusammenhang ganz eindeutig von der frühen Kiss-Phase (soll heißen, 1974 bis 1977) inspiriert sind - was ganz gewiss nicht das Schlechteste ist. Danke, Papas Plattensammlung. Und noch was: als die Donnas vor, ich glaube 13 Jahren, mit Turn 21 und ein Jahr später mit dem großartigen Spend the Night praktisch genau den gleichen Sound zelebrierten, gab's verdienten Lob von allen Seiten. Tja, so ändern sich die Zeiten. Ich hoffe, Heavy Tiger tun's nicht. Ihr Stil ist sympathisch, die Songs rocken und außerdem braucht die Welt mehr Cowbells und Handclaps.


8. Skindred - Kill the Power (Napalm Records (Universal Music))
Die 1990er und frühen 2000er feiern heimlich, still und leise ein kleines Comebäckchen. Schon bemerkt? Nu Metal kehrt zurück (später mehr dazu) und auch der gute alte Crossover will's noch mal wissen.Die momentan wohl besten Vertreter aus dieser Sparte, die Waliser Skindred, zeigen auf ihrem aktuellen Album, wie's gemacht wird: Reggae meets Metal meets Triphop meets mörderischen Groove. Vor etwa einem Jahrzehnt wäre auf den Tanzflächen der Metaldissen dieses Landes die Hölle ausgebrochen, wäre beispielsweise so ein Kracher wie Kill the Power gelaufen. Wobei das neue Material zu keiner Sekunde altbacken klingt, die Wurzeln dennoch deutlich auszumachen sind. Was wohl auch an der kriminell guten Produktion und diversen anderen Kollaborateuren liegen könnte (Russ Ballard). Es bleibt zu wünschen, dass Skindreds Weg weiter nach oben führen mag, ohne dass dabei der Fuß vom (kreativen) Gaspedal genommen wird.


7. Steel Panther - All you can Eat (Open E Music (rough trade))
Glam Rock, Poser Rock - ausgestorben? Von wegen. Dank Steel Panther feiern derlei Musikrichtungen bereits seit mehreren Jahren - und erfolgreich - fröhlich ihre Comebacks. Wobei die Sache bei den Panthers ja ein bisschen anders ausgelegt ist. So teuflisch tight und gut die Jungs auch musikalisch sein mögen ... allerspätestens bei Titeln wie 'Gloyhole' oder 'Gangbang at the Old Folks Home' sollte (SOLLTE!) man merken, dass die ganze Nummer nichts anderes ist, als Comedy, die jedes Sex/Drugs/Rock and Roll-Klischee so dermaßen überspitzt, unversämt, versaut und eben auch musikalisch hochwertig auf die Schippe nimmt, dass zum akkustischen Genuss (und dass ist es) auch jede Menge Lacher hinzukommen. Ein Mischung, die Steel Panther mittlerweile perfekt beherrschen und hoffentlich auch noch lange darzubieten gedenken!


6. The Pretty Reckless - Going to Hell  (Indigo)
Ich war gespannt wie ein Flitzebogen, was die Jungs um Frontdame Taylor Momsen auf ihrem 2. Longplayer zustande bringen würden. Der Vorgänger, das megastarke Debüt Light me up setzte die Latte ja schon verdammt hoch. Und? Es geht qualitativ da weiter, wo das 2010er-Album aufgehört hatte. Frau Momsen mag ja durchaus auf optische Reize setzen (man beachte lediglich das Going to Hell-Cover!), nötig hätte man's keinesfalls. Denn mit gerade mal 21 Lebensjahren strahlt die junge Frau solch eine Präsenz und Glaubwürdigkeit aus, dass sich manch ältere Kollegin eigentlich schamrot abwenden müsste. Und ihre Röhre ist phantastisch, wenngleich ich mir immer wieder die Frage stellen muss, wann sie mit Whiskey und Kippen angefangen hat: mit 12? 13? Egal. Wer mitreißenden (Alternative-)Rock Güteklasse 1A sucht, der wird hier fündig.


5. Sister Sin - Black Lotus (Victory Records (Soulfood))
Eine nicht ganz unähnliche Baustelle wie The Pretty Reckless, aber wesentlich sleaziger. Im Norden scheint man's mit mit solcher Mucke zu haben, wie ja zuvor auch mehr oder minder die Mädels von Heavy Tiger bewiesen haben. Bei den sündigen Schwestern sind es halt vorwiegend Acts wie Mötley Crüe, an denen sich orientiert wurde. Oder aber auch frühe Accept, mit einer Prise Warlock. Auch wenn Sister Sin mehr oder minder seit dem vorletzten Album songtechnisch damit auf der Stelle treten - es bleibt mitreißend dank gutem Material, treibenden Vocals, einer hervorragenden Produktion und exzellenten Gitarrenparts. Kräftig, rotzig, mag ich.


4. In this Moment - Black Widow (Atlantic (Warner))
Wie gesagt: die 1990er kehren zurück. Seit ihrem letzten Album, Blood, haben In this Moment ihren Hardcore-Wurzeln nahezu komplett abgeschworen und präferieren nun Groove Metal und Industrial. Also das Zeug, das auch Rob Zombie die Rente eingebracht hat. Auf Blood war diese Chose noch ziemlich anstrengend, teils unausgegoren und eben zu direkt, um zu überzeugen, wohingegen Black Widow praktisch das vollkommene Gegenteil davon ist. Hier überzeugen die fast ausschließlich großartigen Songs gleich mit den ersten Durchläufen, der Rhytmus geht ins Blut und Frontlady Maria Brink kann gewiss singen, aber auch immer noch schreien wie früher. Auch wenn's showtechnisch hie und da wie eine Metalversion von Lady Gaga anmuten mag: die 'neuen' In this Moment  können einen dennoch an den Hörnern (oder anderen Körperregionen) packen und durchrütteln. So muss das.


3. Blues Pills - Blues Pills (Nuclear Blast (Warner))
Manchmal denke ich, im falschen Jahrzehnt geboren zu sein. Warum nur, fahre ich so dermaßen auf die anhaltende Retrowelle ab? Oder bin ich doch schon älter, als ich mir eingestehen möchte? Andererseits - was sollen Blues Pills erst darüber denken? Die waren zum teil noch flüssig, als ich von der Schule abgegangen bin und kommen dennoch wie Rocker rüber, die man in den 1970ern eingefroren und nun wieder aufgetaut hat. Doch weder stammen sie aus dieser Zeit noch aus Alabama, Los Angeles oder sonst einer nordamerikanischen Metropole, sondern vielmehr aus dem beschaulichen Städtchen Örebro in Schweden ... wo man musikalisches Talent scheinbar schon mit der Muttermilch aufsaugt. Jedenfalls gab es schon lange, zu lange, kein so dermaßen beeindruckendes Debüt, das nahezu ausschließlich furiose Tracks beinhaltet und - trotz gelegentlichem, obligatorischen Gefrickel - nie langweilig wird. Hier arbeitet eine Einheit aus erstklassigen Musikern leidenschaftlich zusammen und das Ergebnis kann sich mehr als hören lassen.
Superb!


2. Arch Enemy - War Eternal (Century Media (Universal Music))
Und plötzlich war sie nicht mehr da, die Angela Gossow - und plötzlich schienen Arch Enemy ein mächtiges Problem zu haben. Oder? Tja, Irrtum. Stattdessen holte man mit  Alissa White-Gluz eine nicht minder kompetente Shouterin an Bord, die aus meiner Sicht sogar noch variabler röhren kann als ihre Vorgängerin, aber mindestens genau so ein Powerpaket ist wie Madame Gossow. Mindestens. JEDER, aber wirklich JEDER Track auf War Eternal trifft voll auf die 12, Flucht ausgeschlossen. Michael Amott und der inzwischen durch Jeff Loomis (!!!) ersetzte Nick Cordle bekriegen sich förmlich gegenseitig mit ihren anspruchsvoll-melodischen Gitarrenspuren, dass es bei aller Aggressivität und Geschwindigkeit Gänsehautmomente en masse gibt. Auch hier gilt: All Killers, no Fillers!


1. Machine Head - Bloodstone & Diamonds (Nuclear Blast (Warner))
Mittlerweile zelebrieren die Mannen um Frontmann Robb Flynn ja auch bereits ihr 20jähriges ... wie die Zeit vergeht! Aber sich deshalb aufs Altenteil setzen? Pustekuchen! Vorallem bei MH wird man mit jedem neuen Album das Gefühl nicht los, dass sie NOCHMALS besser geworden sind. So erlebt bei Through the Ashes of Empires (2003), The Blackening (2007), Unto the Locust (2011) ... und nun eben bei Bloodstone & Diamonds, einem absoluten Referenzwerk in Sachen modernem, meisterhaft arrangiertem, zeitgemäßen Metal der Güteklasse A. Da scheut man sich auch nicht, ein Orchester in den thrashigen Opener zu integrieren (was das Ganze noch dramatischer macht!) oder richtig komplexe Hooks und Licks statt immer wiederkehrende Powerchords einzusetzen. Und über die Tempiwechsel will ich erst gar nicht reden. Oder Robb Flynns Stimme, die mal wieder ein Ausrufezeichen setzt und allen anderen auf beschämend deutliche Weise klar macht, wie ein guter Metalfronter zu klingen hat. Kreischen wie ein notgeiler Elch kann nämlich jeder. Und irgendwann ist ja auch mal gut. Keine Ahnung, was Machine Head auf ihrem nächsten Opus zelebrieren werden, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass auch dieses Werk WIEDER eine Steigerung darstellen wird ...


So viel zu meinen persönlichen Musikfavoriten des allmählich nur Neige gehenden Jahres, wobei ich gewiss den einen oder anderen mal wieder vergessen habe. In Kürze kommen dann Filmeund Bücher dran. Gehabt euch wohl!









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