Donnerstag, 27. Dezember 2012

Best of 2012


Jawoll, es ist (schon) wieder soweit. Mit meinen alljährlichen "Best of"-Listen verabschiede ich das alte und begrüße sozusagen das neue Jahr. 2012 war aus persönlicher Sicht interessant: einerseits wollte ich mehr lesen (was die ersten fünf Monate bestens klappte, danach aber aufgrund persönlicher Umstände vollkommen ins Gegenteil gekehrt wurde), wohingegen ich definitiv nicht so viele Filme sehen wollte wie im vergangenen Jahr. Letzter Punkt hat nur beinahe funktioniert. Kratzte ich 2011 mit über 100 Streifen deutlich über der bisherigen Bestmarke, sind es 2012 mit "nur" 94 Filmen auch nicht wirklich weniger. Fragt mich nicht nach dem Warum. Immerhin: so viel Schrott wie im vergangenen Jahr gab's diesmal nicht zu bestaunen. Wohl mit ein Grund, warum ich auf den "Hobbit" verzichtet habe ... Bedauerlicherweise wurden auch meine musikalische Interessen von besagten persönlichen Umständen (und Problemen) voll erwischt. Noch immer gibt es da eine Menge garantiert guter Alben, die noch immer von mir aufgearbeitet werden müssen.
Doch jetzt genug gefaselt.Wollen wir loslegen? Also gut. Und immer dran denken: diese Listen sind in höchstem Maße subjektiv. Ihr könnt euch gerne darüber kommentartechnisch dazu äußern, ändern tut es trotzdem nix.

I. Musik

10. Kiss - Monster
Meine Lieblings-Schockrocker zeigen der Konkurrenz beeindruckend, wo der Hammer hängt. Nach dem alles andere als schwachen Vorgänger "Sonic Boom" (2008) ist "Monster" sogar noch eine Steigerung. Schade, dass für's kommende Jahr nur ein einziges Deutschland-Konzert anberaumt ist (im viel zu weit entfernten Berlin), aber man kann ja immer noch hoffen ...

   

 9. Aerosmith - Music from another Dimension!
Noch eine Institution, lebende Legende, (Lieblings-)Band, die scheinbar in den Jungbrunnen gefallen ist und ihren x-ten zweiten Frühling zelebriert. Nach dem durchschnittlichen "Just Push Play!" (2001) und den eher enttäuschenden Bluescovern auf "Honkin' on Bobo" (ebenfalls 2001) besinnen sich Boston's Finest auf jene Qualitäten, die dafür Sorge trugen, dass sich Meisterwerke wie "Pump" (1989) und nicht zuletzt "Get a Grip" (1993) besser verkauften als geschnitten Brot kurz vor einer Weizendürre. Unverwechselbare Melodien, großartige Riffs und natürlich die unverzichtbaren Balladen, diesmal exklusive Kitsch und Pathos. Das Teil rockt!

 
 8. Van Halen - A Different Kind of Truth
Schon wieder eine Truppe, mit der nicht wirklich zu rechnen war. Nicht nach 14 Jahren (!!!) seit dem letzten, höchst fragwürdigem Studioalbum und schon gar nicht mit "Diamond Dave" David Lee Roth, der nach 28 (!!!!) Jahren Abwesenheit wieder das Mikro übernahm. Aber - das Comeback gelang. Man könnte es auch als triumphal titulieren. Halen haben den Spirit alter Tage (inklusive diverser Demoaufnahmen) wiederentdeckt und besonders Gitarrero Eddie van Halen zeigt der Konkurrenz, dass er noch immer unerreicht ist.

   
 7. Norah Jones - Little Broken Hearts
Jou, mein erster "Über den Tellerrand hinaus"-Gucker. Allerdings verfolge und bewundere ich den Werdegang der ungemein talentierten Frau Jones nicht erst seit gestern. "Feels like Home", ihr 2. Album ist etwa eine meiner absoluten Lieblingsplatten (gell, jetzt seid ihr platt). Was danach folgte, war ... nun ja, alles andere als schlecht oder kommerziell anbiedernd; trotzdem trat die Dame mit den hübschen Rehäuglein auf der Stelle. Umso größer dann die Überraschung, als ich das Cover zu "Little Broken Hearts" zum ersten Mal erblickte: Die langen Haare sind ab, der Blick lasziver und ... soll das wirklich eine Hommage an Amerikas größten Busenfetischist, Russ Meyer sein? Ist es. Und mal eben so erfindet sich Norah Jones neu. Nicht, dass sie jetzt Speed-Metal spielt. Aber ihren Songs liegt weniger Melancholie, dafür jede Menge neu getanktes Selbstbewusstsein bei, wie ich finde. Samt einem großen, ironischen Augenzwinkern. Was vielleicht die schönste Neuerung in Jones' bereits beeindruckendem Repertoire darstellt. Und eine tolle Platte für nächtliche Autofahrten ist's auch noch geworden.

 
 6. Huntress - Spelleater
Ich weiß, was jetzt folgt. Die Dame am Mikro hat wirklich, ähm ... schöne Eu-, ähm Augen. Soll wahrscheinlich davon ablenken, wie mies die Truppe in Wahrheit ist. Und noch ein paar Einheiten mehr verkaufen. Sex sells und so. Au contraire, mon frere! Denn die Combo hat wirklich was drauf. Mein persönlicher Newcomer 2012 spielt mit einer solchen Selbstsicherheit eine gelungene Melange aus Venom,
Slayer und Judas Priest, dass die Heide wackelt. Und Frau Janus? Die hat nicht nur große Augen, sondern auch eine verdammt gute Röhre!

 
  5. Rage - 21
Auf die Herner Institution ist Verlass: alle zwei Jahre ´ne neue Scheiblette, alle zwei Jahre Musik auf höchstem Niveau. Wobei: Einfach ist es nicht, einem Klassiker wie dem Vorgänger, "Strings to a Web" (2010), das Wasser zu reichen - oder gar zu toppen. Tut es auch nicht, muss es auch nicht. Stattdessen ntdeckt die für mich beste Metalband Deutschlands die Qualitäten von Growlgesängen und hartenTrasheinlagen, ohne dabei die mitunter zum Niederknien geilen Melodien außer Acht zu lassen. So darf
es 2014 (gerne auch früher) ruhig weitergehen.

     
 4. Daft Punk - Tron Legacy (Soundtrack)
 Noch mal über den Tellerrand rausgeblickt. Aber: Ich mag die beiden Franzosen schon seit "Homework" (1997). Warum? Weil sie gute Musik machen; fernab von dem elendigen, primitiven Umpa, Umpa-Gelumpe der Konkurrenz. Daft Punk klingen rockig, aber gleichzeitig modern. Sie vermische das Beste aus den seligen 80ern mit der Aufbruchstimmung des frühen 21. Jahrtausends. Wobei "Tron: Legacy" womöglich ihre bislang vollendetste Schöpfung ist; komplettiert durch grandiose Orchesterklänge. Ein sagenhaftes Musikerlebnis!
     
     
3. Sister Sin - Now and Forever
Große Ansprüche stellte ich persönlich an den Nachfolger der exzellenten 3. Platte, "True Sound of the Underground." Gottlob wurden sie mehr als erfüllt. Göteburgs vielleicht beste Old School-Metalband hat nix ver-, dafür aber dazugelernt. Die Melange aus Mötley Crüe, Warlock, Twisted Sister und Accept besticht jetzt durch noch geilere Melodien und noch mehr Eigenständigkeit - wenngleich die Vergleiche zwischen Fronterin Liv Jagrell und einer gewissen Doro Pesch partout nicht abreißen wollen. Diese Truppe gehört einfach in die engen, heißen, verrauchten Clubs dieser Welt - und da will ich sie auch sobald als möglich sehen!


2. Testament - Dark Roots of the Earth
Und läuft und läuft und läuft - und das seit auch schon fast dreißig Jahren. Allerdings scheint die Trash-Metal-Institution aus dem sonnigen Berkeley die Duracellbatterien gegen Protonenbeschleuniger ausgetauscht zu haben. Oder anders ausgedrückt: die Scheibe fegt so ziemlich alles weg, was sich ihr in den
Weg stellt. Gene Hoglans Drums sind Maschinengewehrsalven, die Riffs von Alex Skolnik und Eric Peterson präzise wie Skalpelle und wenn Frontsau Chuck Billy erst mal loslegt, erreichen die Seismoraphen neue Höchstwerte. SO muss Metal.
   
   

 1. Rush - Clockwork Angels
Frage: Welche Band schafft es nach 38 Jahren immer noch frisch, neu und einzigartig zu klingen? Welche
Band vertraut nach fast vierzig Jahren nicht nur auf Altbewährtes, sondern sucht weiterhin neue Ufer?
Welche Band konzipiert in heutiger Zeit noch Konzeptalben? Jou, richtig: Rush, Rush und Rush. Außerdem besteht das Kult-Trio aus drei großartigen Musikern (man könnte auch sagen drei der besten ihres Fachs), sympathischen Zeitgenossen und eben immer noch das Neue suchenden Menschen. Was andere mit Mitte 30 längst aufgegeben haben, lodert bei den Herren Lifeson, Lee und Peart womöglich stärker als zuvor. Ich meine, würden AC/DC jemals mit der Steampunk-Optik anbandeln? Würden die Rolling Stones jemals mit einem Orchester und live ihren neuen und alten Klassikern neue Impulse verleihen? Wohl kaum. Und darum sind Rush nicht einfach nur eine musikalische Institution, die weltweit geliebt und vergöttert wird (bei mir trifft es die Bezeichnung "krankhaft" ziemlich gut), sondern eine Inspiration fürjeden; musikalisch wie lyrisch wie menschlich. I see you in Cologne, Boys!


II. Filme

10. Dark Shadows (Regie: Tim Burton)
Eigentlich hatte ich mit Burton spätestens seit dem grausigen Kommerzgeschleime "Alice in Wonderland"
(2010) abgeschlossen. Was war nur aus dem Meisterregisseur von einst geworden; der neben einer
herrlich düsteren Visualisierung stets der narrativen Anarchie einen Platz einräumte? Stattdessen: ein uninspiriertes Remake nach dem anderen. "Dark Shadows" ist im Grunde auch eins. Die filmische Neuauflage einer trashigen TV-Serie aus Burtons Jugend. Nur mit einem Unterschied: diesmal blitzt er endlich mal wieder auf, jener kindliche Spitzbubencharme der aus Burton einen exzellenten Erzähler hat
werden lassen. Wenngleich "Dark Shadows" mitunter wie eine Art Auflockerungsübung vor der nächsten
Megaproduktion wirkt, so unterhält der Streifen und macht Spaß. Nicht nur, aber besonders wegen Johnny Depp und jeder Menge augenzwinkernder Momente:


9. Mad Circus (Regie: Álex de la Iglesia)
"Na, welchem Zirkus gehörst du an?" Dieses Zitat (ich hoffe, meine Erinnerung trügt mich nicht) fasst die
Quintessenz von de la Iglesias bestem Film seit "Perdita Durango" sehr gut zusammen. Zwei Clowns, die zu
Rivalen werden - dank einer Frau. In Form seiner drei Protagonisten rechnet der Ausnahmeregisseur aber
nicht nur mit dem Wahn der (obsessiven) Liebe ab, sondern auch mit dem Irrsinn des Krieges und der blutigen Vergangenheit seiner spanischen Heimat. Kraftvolle, mitunter visionäre Bilder, intensive Darstellungen und nicht zuletzt die höchst anspruchsvolle Geschichte selbst machen aus "Mad Circus" ein blutiges Meisterwerk.


8. Battleship (Regie: Peter Berg)
Nix Anspruch, nur Guilty Pleasure. Die Story ist lahm, die Klischees zum Haareraufen ... aber irgendwie hab
ich einen Narren an dem Film gefressen. Fragt mich bitte nicht, warum.





7. Die Tribute von Panem - The Hunger Games (Regie: Gary Ross)
Das isser. Der Film, der mit den Glauben an Jugendbücher und -filme teilweise zurückgegeben hat. Nix da Harry Potter-Schwachsinn, auch keine glitzernden Botox-Vampire. Dafür eine intelligente, wichtige Ge-
schichte mit Tiefgang; eine Dystopie und Medienkritik, die nicht nur das besagte "junge" Publikum sehen sollte. Manchmal hat es eben nichts mit Hype zu tun, manchmal trifft eine Geschichte auch den einen, den richtigen Nerv. Davon abgesehen prägen zwei Namen diesen Film: Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence (die wird mal eine ganz Große, daran besteht kein Zweifel) und Regisseur Gary Ross. Das Ross die Fortsetzung nicht inszenieren wird, finde ich mehr als bedauerlich aber auch nachvollziehbar (wahrscheinlich wollte er mehr Zeit - verständlicherweise). Hoffen wir, dass es der neue Mann im Regiestuhl, Francis Lawrence, genau so gut hinkriegt wie sein Vorgänger.


6. Sherlock Holmes - Spiel im Schatten (Regie: Guy Ritchie)
Der erste Teil war gut, der zweite ist noch besser: die Pastiche auf Sir Arthur Conan Doyles legendären Detektiv macht einfach Spaß, besonders dank eines herrlich spielfreudigen Robert Downey, jr., wunderbar ergänzt durch Jude Law als Dr. Watson und komplettiert durch die mehr als sehenswerte Darstellung von Jared Harris als Holmes' Nemesis, Professor James Moriarty. Passend dazu gibt es ein sehr gut tariertes Drehbuch und eine wirklich feine Inszenierung durch Guy Ritchie, der klugerweise auf die mitunter viel zu rasante Erzähl- und Schnitttechnik früherer Tage ("Snatch") verzichtet. Ich freue mich schon auf den dritten Teil.


5. Kriegerin (Regie: David Wnendt)
Deutsche Filme handeln entweder vom Beziehungen, dem Zweiten Weltkrieg oder Krebs. Oder Til Schweiger. Das es auch anders geht, beweist dieser kleine, aber ungemein feine Spielfilm von David Wnendt. "Kriegerin" nimmt sich eines wichtigen Themas an, das uns alle angeht. Dabei schlittert der Film aber nicht in die glatt polierte Leblosigkeit von "Zweiohrhasen" & Co. sondern bleibt authentisch und nimmt kein Blatt vor den Mund. Ein Film, der unter die Haut geht - auch dank Hauptdarstellerin Alina Levshin.


4. Mission: Impossible 4 - Phantom Protocoll (Regie: Brad Bird)
Tja, was soll ich sagen? Im wahren Leben mag Mister Cruise einen Vollschatten haben, aber gute Filme machen, dass kann er. "M:I4" ist ein hervorragendes Beispiel. Eskapismus pur, rasant und unterhaltsam. Ein Agentenfilm wie aus dem Lehrbuch ... nun ja fast (mehr dazu gleich). Und Simon Pegg rockt. Aber das wissen wir ja bereits.


3. 007 - Skyfall (Regie: Sam Mendes)
Siehste, Ethan Hunt? Es geht noch besser. Nämlich wenn ein genrefremder Regisseur mit der Arbeit an einem Actionfilm beauftragt wird. Zumal noch einer von der wirklich smarten Sorte. Demzufolge dringt Mendes in den Kern des Mythos James Bond vor und hinterfragt ihn. Denn mal Hand auf's Herz: Wozu braucht die Welt noch Spione? Aus dieser Frage bezieht "Skyfall" Tiefgang und eine ungeahnte Qualität, die ihn deutlich über den Status eines No Brainers hebt. Allerdings wird das Franchise nicht vollkommen dekonstrukturiert. Wer die hübschen Madls, den Aston Martin und die atemberaubende Action sucht, wird auch hier fündig. Nur eben anders, wenngleich nicht schlechter. Ach ja und Javier Bardem als homosexueller Bösewicht (seht ihr: Dekonstruktivismus!) ist schlichtweg genial. Damit hätte er eigentlich seinen zweiten Goldenen verdient. Und das gelungene, runde Ende: Gänsehaut. Der angenehmen Sorte.



 2. The Dark Knight Rises (Regie: Christopher Nolan)
Vier Jahre nach der Neudefinierung von Superhelden-Verfilmungen bringt Nolan schließlich seine "Batman"-Saga zu einem Abschluss. Übertrumpft Teil 3 den Vorgänger? Nicht wirklich, aber damit war auch nicht zu rechnen. Das heißt, Augenblick. Denn stellenweise tut er das wirklich. Was besonders an der smarten und von langer Hand geplanten Story liegt - einschließlich dem ultimativen Preis respektive der ultimativen Opferung. Ein würdiger, grandioser dritter Akt und der erneute Beweis für Nolans Ausnahmetalent.



Wäre da nicht ...

1. "The Cabin in the Woods" und "Marvel's The Avengers" (Regie: Drew Goddard / Regie: Joss Whedon)
2012 war D-A-S Jahr von Joss "The Boss" Whedon. Und es war längst überfällig. Seit vielen, vielen Jahren schüttelt der sympathische Rotschopf (bald nicht mehr ...;-)) ein tolles Franchise nach dem anderen raus, werkelt nebenbei ungenannt an Drehbüchern, schreibt Comics ... eigentlich ist er schon wieder ZU gut für die rein auf die Erträge linsende Hollywood-Maschinerie. Eigentlich. Denn Leute wie Whedon sind genau dass, was dem Filmbetrieb fehlt. Leute, die imstande sind, altbackenen Genres komplett neue Impulse zu geben (Dekonstruktivismus! Da isser wieder!) oder der im Grunde seelen- und talentlosen Konkurrenz mit erschreckender Klarheit vorzuführen, wie ein RICHTIGER Blockbuster auszusehen hat. Ihr wisst schon, mit Herz. Wusste schon Captain Reynolds. Dann klappt's auch mit der Asche, dann gönnt man auch den Erfolg.
Jedenfalls: Nachdem er zunächst das ultimative Zusammentreffen der ultimativen Superhelden mit einer förmlich an Dreistigkeit grenzenden Leichtigkeit gestemmt hatte (woran ich übrigens keine Zweifel hegte), nahm sich Whedon nach "Marvel's Avengers" umgehend das altbackene Horrorgenre vor; zerrupfte es, legte seine Stärken und Schwächen dar und verpasste ihm letztlich einen ungemein erfrischenden Neuanstrich, indem er so ziemlich alles - von "Hellraiser", "The Cube", "Saw" und sogar Lovecraft - ungeniert in den Mixer kippt, das ganze mit einem großzügigen Spritzer Metaphilosophie würzt und danach breit grinsend auf den "Pürieren"-Knopf drückt ... Fertig ist das zweite Meisterwerk binnen weniger Monate. Darum, in doppelter Hinsicht "Danke", Mister Whedon.



III. Bücher

10. Neil Peart - Far and Away - A Price Every Time (Ecw Press)
Wer Neil Peart nicht kennt, sollte ihn kennen. Nicht nur, weil er der beste Drummer der Gegenwart ist. Nicht nur, weil er seit über dreißig Jahren "der Neue" bei Rush ist. Nein. Neil Peart ist nämlich auch in anderen Bereichen eine Inspiration. Setzt euch mal mit seinen intelligenten Lyrics auseinander. Oder noch besser, setzt euch mal mit Neal Peart selbst auseinander (>>hier<<). Dieser beeindruckende, und dabei stets bescheiden auftretende Mensch sollte für uns ALLE ein Vorbild sein. Nachdem ich bei der Lektüre von "Ghost Rider - Travels on the Healing Road" oftmals mit feuchten Augen weiter gelesen habe, ist dieser erstaunliche Band wesentlich fröhlicher. Hier erzählt der passionierte Motorradfahrer Peart über seine Reisen in die Metropolen, aber auch die verlassenen Winkel dieser Welt; reichert seine Erfahrungen mit klugen Bemerkungen und fast schon philosophisch anmutenden Überlegungen an. Man spürt Pearts Begeisterung für die Natur, die Freiheit - und auch für die Menschen. Toll. Einfach toll.


9. Kealan Patrick Burke - KIN (Create Space Independent Publishing Platform)
Ah, noch so ein Dekonstruktivist (sagt man das wirklich so?). Die meisten Horror- und Dark Fantasy-Leser wissen sicherlich, wozu Burke imstande ist. Mit "KIN" begibt sich Burke nun auf einen Pfad, mit dem nicht wirklich zu rechnen war: dem des Backwood-Slashers. "Texas Chainsaw Massacre" und Konsorten. Nur eben auf seine ganz eigene, unverwechselbare Art. Anstelle der üblichen Vorgehensweisen hinterfragt Burke auch die vermeintlichen Mörder und Psychopathen, die ihr Handeln stets als richtig betrachten. Dadurch gelingt es ihm, dass der Leser ab einem bestimmen Punkt sogar Sympathien für sie hegt - obwohl es doch eigentlich falsch sein müsste, oder? Ein verdammt starkes Buch. Die deutsche Übersetzung dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein.

8. Michael Dissieux - Graues Land (LUZIFER-Verlag)
Endzeithorror aus dem Saarland. Manche verstehen darunter den Einzug der Piraten in den saarländischen Landtag. Michael Disseux hingegen zeigt uns mit diesem kleinen Meisterwerk aber die wahre Bedeutung. Auf fast schon intime Weise lässt er uns am vermeintlichen Ende der Welt teilhaben; alles aus der Perspektive eines alten Mannes. Dabei sind es gar nicht mal die großen Knalleffekte, die für Horror sorgen, sondern vielmehr die ruhigen, bedächtigen Momente. Und die gehen richtig unter die Haut. Ganz großes Kino.


6. Bryan Smith - Seelenfresser (Festa-Verlag)
Brett McBean, Edward Lee - die Liste der potenziellen Schriftsteller, die dazu auserkoren sind, den verwaisten Thron von Altmeister Richard Laymon eines Tages zu besteigen, ist lang. Wenn überhaupt, so gebührt aber einzig Bryan Smith dieser Platz. Dieser Mann hat nicht nur Laymons Werke studiert, er hat auch die vermeintlichen Schwachstellen erkannt und ausgebessert. So gibt es neben einem mörderischen Tempo und ungeschönter Gewalt zudem Charaktere mit Tiefgang. "Seelenfresser" steht stellvertretend für Smith' Ausnahmetalent. Hier geht der Mann umgehend auf Hyperspeed, ohne das der Plot dabei zu Schaden kommt, der zudem an die wunderbaren Splatterstreifen der 80er Jahre erinnert. (Horror-)Herz, was willst du mehr?


5. Rona Walter - Kaltgeschminkt (LUZIFER-Verlag)
Ich sehe es schon vor mir: Nächstes Jahr werden sich drei Autoren des Luzifer-Verlags um die Kategorie "Bester Horrorroman deutschsprachig" beim Vincent Preis balgen: Vincent Voss, Michael Dissieux und ... Rona Walter (schon jetzt ein Höhepunkt des Marburg-Con: Autorenbashing!). Aber Spaß beiseite (oder vielleicht doch nicht). Was Kollegin Walter da mit ihrem Erstling "verbrochen" hat, kann sich mehr als sehen lassen. Ihr Stil ist erfrischend anders, ihr Humor herrlich schwarz und neben den originellen Einfällen kommen Atmosphäre und Spannung ebenfalls nicht zu kurz. Chapeau!



4. Eloise J. Knapp - The Undead Situation (Permuted Press)
Danke, Frau Knapp. Danke, dass Ihr Debüt meinen Glauben an GUTE Zombie-Romane wieder gefestigt hat. Was rede ich: Seit Brian Keenes phänomenalem Einstand, "The Rising", ist mir kein so guter Vertreter der Zombieliteratur untergekommen. Gar nicht mal so sehr wegen der unbestreitbar heftigen Action- und Gorepassagen. Eher wegen dem narrativen Talent der jungen Autorin. Und weil sie es geschafft hat, ein unsympathisches Arschloch in den Mittelpunkt ihres Romans zu stellen - und man irgendwann sogar Sympathie für ihn empfindet. Auch dieses Buch sollte demnächst eine deutsche Übersetzung erhalten, wenn alles klappt.


3. Dan Simmons - Eiskalt erwischt (Festa-Verlag)
Simmons ist wie so ein kleiner Transformer: Mal schreibt er Horror, dann Science Fiction, dann Fantasy, dann Historienschinken - oder knallharte Noir-Krimis. "Eiskalt erwischt" gehört zu letzterer Sorte und überzeugt auf ganzer Linie. Meisterhaft, wie Simmons' praktisch mit dem ersten Wort Vollgas gibt und dabei ein Lehrstück in Sachen Präzision und Einfallsreichtum abliefert. Schon jetzt ein moderner Klassiker innerhalb der Gattung.


2. George R. R. Martin - A Game of Thrones und A Clash of Kings (Bantam Books)
Dreckig, überraschend, gnadenlos, episch, genial - es gibt einen Grund, warum Martins Bücher gerade weggehen wie warme Semmeln. Einfach verdammt guter Stoff; rauh, kraftvoll, eine Urgewalt. Das ist in meinen Augen gute Fantasy. Auch ohne 3D und 48 fps (ich kann's nicht lassen). Nur die Harten komm' in' Garten. Die Serie ist übrigens nicht minder brillant - muss ich das wirklich noch erwähnen?!?



1. Tim Curran - Verseucht (Festa-Verlag)
Ausnahmeautoren haben keine Angst, sich dem Ultimativen Schrecken zu stellen. Sie trauen sich über die Grenze und loten neue Tiefen, neue Dimensionen des Horrors aus. Das Resultat mag kräftezehrend sein - körperlich wie geistig, sowohl für den Autor wie den Leser - doch ist es mitunter eine wichtige (Lebens-)Erfahrung. "Verseucht" ist so ein Resultat. Qualvoll direkt streift Curran den Vorhang namens Menschlichkeit beiseite und offenbart schonungslos die dunkelsten Seiten, die in unserer Spezies schlummern. Seit Robert R. McCammons Klassiker "Swan Song" ist mir kein Roman so dermaßen unter die Haut gegangen. Schon jetzt ein Referenzwerk in Sachen dystopischer Schonungslosigkeit.


Und damit hätten wir sie: Meine Favoriten des allmählich zur Neige gehenden Jahres. Natürlich könnte ich die Liste beliebig fortführen, habe ich unter Garantie manches vergessen - doch will ich es dennoch dabei belassen. Es wäre schon, wenn der/die eine oder andere seine Meinung kundtun würde oder womöglich zu dem einen /der einen DVD/Blu Ray/CD/Buch greifen würde. 
Und jetzt: Mit Schwung ins neue Jahr!

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