Schätze aus dem Nachtprogramm, Teil 16
Heute: Statt der Schachtel Pralinen lieber 'ne Knarre - Coldblooded (1995)

Wie schon so oft versprochen, gibt es langer Zeit endlich wieder Futter für all jene, die auf einen neuen Schatz aus dem Nachtprogramm gewartet haben. Doch was ist das? Wer ist dieser Typ mit dem Ballermann? Das ist doch wohl nicht dieser Knilch aus dieser beschissenen Teenie-Serie aus den 90ern, oder?
Doch, das isser. Er heißt übrigens Jason Priestley, falls es jemanden interessiert. Und, nein, einen Oscar wird dieser Mann wohl kaum in seinem Leben gewinnen. Zumindest nicht durch Produktionen wie der TV-Version von den Triffids oder Filmen wie "Chicks with Sticks", "Calendar Girl" oder eben jener Serie von damals namens "Beverly Hills, 90210." Was aber nicht zu bedeuten hat, das Mr. Priestley größtenteils in schlechten Machwerken mitgewirkt hat. Seine Bio auf ImdB weist auf einige wirklich bemerkenswerte Arbeiten hin (kein Scheiß!), wobei "Coldblooded" meiner Meinung seine vielleicht beste ist.
Priestley spielt in "Coldblooded" den sanftmütigen und, sagen wir mal, etwas naiven Cosmo Reif, der durchaus als Forrest Gumps kleiner Bruder oder Cousin dritten Grades durchgehen könnte, wenn er denn einen hätte und wenn dieser statt in der Abfallentsorgung im Buchmachergewerbe gelandet wäre. Denn dieser Arbeit geht Cosmo nach; tagein, tagaus. In einem kleinen Zimmer, dessen Einrichtung aus einem Tisch, ´ner Glotze und dem Telefon besteht, nimmt Cosmo Wetten jeglicher Art an, ehe er den Feierabend in seiner Bude verbringt, die sich im Keller eines Altenheims befindet und sicher relativ preisgünstig zu sein scheint. Eine feste Freundin nennt Cosmo leider nicht sein eigen, aber immerhin lässt sich Honey (Janeane Garofalo) von Zeit zu Zeit mal im Keller blicken, nachdem sie den Senioren für zwanzig Dollar das Rohr geschrubbt oder ähnliche Wünsche erfüllt hat (für alle, die es nicht verstanden haben: sie ist eine Prostituierte). Besser wie gar nix, oder? Im Großen und Ganzen kann man bei Cosmo sicherlich von einem reichlich überschaubaren Leben sprechen.
Und eben dieses wird gehörig durcheinander gewirbelt, als Cosmo plötzlich eine Einladung zu seinem Brötchengeber erhält, der - welch Wunder! - direkt mit dem organisierten Verbrechen verbunden ist! Da neue Zeiten angebrochen sind und es damit auch an der Zeit ist, etwas frischen Wind in die Firmenstruktur zu bringen, soll Cosmo zum Profikiller ausgebildet werden - unter der Obhut des erfahrenen Hitman Steve (Peter Riegert), der anfangs sicher nicht besonders viel von seinem beschränkten Schützling erwartet, dann aber das wohl größte blaue Wunder seines Lebens erleben darf. Denn Cosmo ist treffsicher wie Harry Calahan. Und das ganze Blut und die Schreie scheinen auch spurlos an ihm vorbeizugehen. Denkt Steve zuindest, der schon jahrelang von seinen Opfern im Schlafe heimgesucht wird, dafür aber bereits ein sehr adequates und sehr hochprozentiges Gegenmittel gefunden hat. Cosmo verzichtet auf Fusel. Stattdessen besucht er eine Yoga-Klasse - und erfährt mehr innere Reinigung als jeder Patient nach durchstandender Darmspülung. Zudem ist seine Yoga-Lehrerin Jasmine eine wirklich ganz Niedliche, wenngleich ihr Freund ein Riesen-Arschloch ist. Aber als sie eines Tages Cosmo heulend am Straßenrand vor dem Yoga-Studio auffindet, beginnen die ersten zarten Knospen der Liebe langsam aufzugehen ...
Das Cosmo ihr nichts von seinem Job erzählt, dürfte angesichts seines sicherlich im zweistelligen Bereich liegenden IQ's nicht unbedingt selbstverständlich sein. Trotzdem tut er es nicht. Was - wie könnte es anders sein - sich zu einem echten Problem entwickelt. Wie auch die Sache mit der nicht vorhandenen Ausstiegsklausel. Oder seinem neuesten Auftrag: Steve zu töten ...
Bereits nach den ersten Szenen wird klar, das Regisseur Wallace Wolodarsky einen kleinen Streifen namens "Pulp Fiction" sicherlich SEHR intensiv gesehen hat, denn wie so viele Filme aus jener Zeit ist auch "Coldblooded" im Fahrwasser von Tarantinos kultigem Meisterwerk entstanden. Doch glücklicherweise - und, leider, wie so WENIGE Filme aus jener Zeit, die im Fahrwasser von besagtem Meisterwerk entstanden sind - kopiert Wolodarsky nicht bloß, sondern hat neben einer wirklich guten, handwerklich einwandfrei vorgetragenen Story auch noch ein echt gutes Arsenal von Schauspielern aufgeboten, von denen kein einziger deplatziert oder völlig unglaubwürdig erscheint. Und wahrscheinlich WEIL seine Schauspielkünste relativ limitiert sind, nimmt man Herrn Priestley wohl auch so gut die Rolle des Cosmo ab. Wenn er mit seinem ersten Opfer über Wettschulden lamentiert, ein weiteres befragt, nach welchem Date der Zeitpunkt für Sex günstig ist, auf der Schießanlange gleichgültig ständig ins Schwarze feuert oder leicht verwirrt ob seines angeblichen neuen Auftrags ist, den Präsidenten abzuknallen - man kauft es ihm ab. Ähnlich wie man einem Jason Statham, der im Grunde ja auch fast immer nur die gleichen Charaktäre spielt, eine Rolle wie die des Chev Chelios ohne Wenn und Aber abnimmt: weil diese Rollen maßgeschneidert auf die jeweiligen Fähigkeiten des Mimen sind; nicht mehr und nicht weniger. Garniert wird "Coldblooded" zudem durch einen ziemlich schwarzen und zum Glück meistens auch zündenden schwarzen Humor. Schade nur, dass dieser Film noch immer so ein Mauerblümchen-Dasein fristet. Denn er ist wirklich gut, und eigentlich besser als die Masse jener tumben Filme, die auf den Kabelsendern zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens ausgestrahlt werden. Sollte er also mal wieder eben dort gezeigt werden - dann wisst ihr, was zu tun ist. Und lohnen tut es sich wirklich. Oder ihr legt euch gleich die leider bereits vergriffene DVD zu, welche die üblichen Verdächtigen (ob der Regisseur auch DIESEN Film gesehen hat?) meistens auf ihren Gebraucht-Seiten im Angebot haben. Und zum Schluss gibt es außerdem eine kurze Szene aus dem Streifen, welche ich bei youtube entdeckt habe:
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